Linkedin Aktie verliert 40% - Was sind die Folgen für Recruiter?

– Erste Alarmierende Zahlen



Ein Unternehmen macht 862 Mio USD Umsatz im letzten Quartal, eine Steigerung um mehr als ein Drittel zum Vorjahr. Gut im gleichen Quartal wurde ein Verlust von gut acht Millionen Dollar gemacht. Er fiel aber geringer aus als befürchtet. Und der Aktienkurs geht 40 % in den Keller, 11 Mrd. USD wurden vernichtet. Ein paar Tage habe ich noch gewartet, ob sich der Kurs vielleicht erholt und sich das Ganze als Fata Morgana entpuppt. Aber es trat keine Besserung ein.

Was war da passiert? Und wie kann so etwas passieren? Und was hat das mit Recruiting zu tun?

Ein klein wenig muß man dazu ausholen. An der Börse werden Erwartungen gehandelt, und wenn diese enttäuscht werden, dann reagieren Anleger enttäuscht und wenden sich anderen, hoffentlich besseren Anlagemöglichkeiten zu. Die Umsätze von Linkedin blieben hinter den Erwartungen der Analysten zurück. Die Erlöse wuchsen zwar um 34 Prozent auf 862 Millionen Dollar. Vom Markt waren allerdings 866 Millionen Dollar erwartet werden. Das ist eine Erklärung.

Die andere ist der unerwartet schwache Ausblick bei Linkedin. Die Umsatzprognose des Unternehmens für das Geschäftsjahr 2016 hinter den Erwartungen zurück. Für das erste Jahresviertel erwartet Linkedin Einnahmen in Höhe von 820 Millionen Dollar und 3,60 bis 3,65 Milliarden Dollar für das ganze Jahr 2016. Aus Sicht der Experten ist das zu wenig. Sie hatten mit Einnahmen von 867 Millionen Dollar im ersten Quartel gerechnet - und knapp vier Milliarden Dollar für das ganze Jahr. Das ist die andere Erklärung für die dramatische Entwicklung des Aktienkurses, der sich bisher auch noch nicht signifikant erholen konnte.

Was hat das mit Recruiting zu tun?

Zunächst einmal nichts. Recruiter, sofern sie nicht zufällig auch Aktionäre sind, verlieren und gewinnen nichts, ob der Aktienkurs von Linkedin steigt oder fällt. Aber Analysten schauen sich die Zahlen eines Unternehmens genau an.

Das wollen wir auch einmal tun. Für Recruiter relevante Zahlen sind eher, wie viele Mitglieder ein Netzwerk hat, wie die Struktur der Mitglieder ist, ob die eigenen Zielgruppen dabei sind, wie häufig die Mitglieder im Netzwerk aktiv sind und was sie dort machen. Denn nur so besteht eine Wahrscheinlichkeit, sie mit passivem oder aktivem Recruiting zu erreichen. Gerade fürs Active Sourcing ist eine entsprechende Nutzung des Netzwerkes eine gute Voraussetzung. Was die besten Quellen im Active Sourcing sind, steht demnächst im Active Sourcing Report 2016.

Schauen wir uns mal diese Zahlen an. Zunächst die Mitgliederentwicklung:

Mitgliederentwicklung Linkedin



Hier hat Linkedin noch mal eine ordentliche Schippe zulegen können. Seit letztem Jahr stieg die Anzahl der Mitglieder von 347 auf 414 Mio, das entspricht noch einmal einem Anstieg von ca. 20%. Das die Mitgliederwerbepraktiken, die einen Großteil der neuen Mitglieder bringen sollen, nicht immer rechtskonform sind mußte Linkedin kürzlich erfahren und hat dafür auch bereits eine Buße von 13 Mio USD für die zu aggressive Werbung gezahlt. In dem bereits 2013 losgetretenen Rechtsstreit war es um die Praxis des Netzwerkes gegangen, bereits bestehende Email-Kontakte von Nutzern für die Werbung für die eigenen Dienstleistungen zu nutzen. Mit der Vorgehensweise, bei ausbleibender Reaktion noch zwei Mal an die noch ausstehende Einladung zu erinnern, ging Linkedin nach Ansicht des von den Klägern angerufenen Gerichtes jedoch über die erteilte Zustimmung hinaus.

Wie sieht es bei der Nutzung des Netzwerkes durch die Mitglieder aus?

Ein anderer, für Recruiter wichtiger Punkt, ist die Frage, ob die Mitglieder das Netzwerk auch nutzen. Diese o.a. Werbepraktiken könnten z.B. einen Einfluß auf die Nutzung haben.

Quelle: Linkedin Slideshare

Hier gibt es die ersten, für Recruiter alarmierenden Zahlen: Es gibt zwar noch einen Anstieg gegen über 2014 um ca. 7 %, aber im Vergleich zu den 20% Anstieg bei den Mitgliederzahlen muß man zu dem Schluß kommen, das die neu gewonnen Mitglieder wohl nicht so aktive Nutzer sind. Und die Zahl nutzenden Mitglieder stagniert!

Auch ein Blick auf die Seitenaufrufe der Mitglieder verheißt nichts Gutes:


Quelle: Linkedin Slideshare

Eine Steigerung zum Vorjahr ist zwar zu erkennen, aber die Zahlen zeigen im Vergleich zu den Vorquartalen eine sinkende Tendenz. Ein lesenswerter Artikel zu den Entwicklungen in den Gruppen bei Linkedin (auf Englisch) finden Sie hier.

Sind das die Vorboten einer zukünftig sinkenden Attraktivität des Netzwerkes für die Mitglieder und damit auch für die Recruiter, die natürlich den Mitgliedern folgen wollen, wo auch immer Sie hingehen?

Fazit:

Auch wenn nicht erfüllte Erwartungen von Anlegern auf den ersten Blick für Recruiter nicht so relevant sind, lohnt sich doch ein vertiefter Blick in die für Recruiter relevante Zahlen. Da dieser auch nicht so brillant ausfällt, sollten Recruiter die Entwicklung im Auge behalten und sich ggf. auch Alternativen anschauen, um den Talenten weiter auf der Spur bleiben zu können.

Einblicke in die besten Quellen für Recruiter insbesondere für Active Sourcing gibt es auch im aktuellen Active Sourcing Report 2016 und  in den bekannten ICR Praxis-Intensiv Seminaren Active Sourcing mit XING, Linkedin, Facebook & Co.


Was sagt der auch vom Kursrutsch überraschte CEO von Linkedin zu der Entwicklung:

"We are the same company we were the day before our earnings announcement. I'm the same CEO I was the day before our earnings announcement. You're the same team you were the day before our earnings announcement. And most importantly, we have the same mission, vision, and sense of purpose in terms of our ability to create economic opportunity. None of that has changed," Weiner said in the all-hands meeting. "It hasn't changed one iota."


Gerhard Kenk von Crosswater Job Guide fragt in seiner Analyse der Ergeignisse sogar


Mutiert LinkedIn zum Selbstbedienungsladen?

LinkedIn Börsenkurscrash deckt neue Risiken auf

Die Aktienanalysten waren nun aufgeschreckt – und suchten nach Erklärungen. Dabei wurden sie fündig: Aktienanalyst Paulo Santos kam zur Schlussfolgerung, dass LinkedIn zum Wohl der Mitarbeiter, aber nicht zum Wohl der Aktionäre betrieben wird. Der Volksmund hat dafür den Begriff „Selbstbedienungsladen“ parat. Doch die Wirtschaftswelt spricht eher in differenzierten Begriffen wie Stock-based-Options, Korruption, Bonifikationen für Investment-Banker oder hohen Gini-Koeffizienten, wenn es um exzessive Vorstandsvergütungen geht. Unternehmen oder Organisationen wie FIFA, ADAC, Volkswagen, Deutsche Bank oder Hypo Real Estate beherrschen hier die Schlagzeilen.


Die dubiosen Stock-based-Options


Paulo Santos warf einen Blick auf die LinkedIn-Ergebnisse: (Source: Q4 2015/2015 earnings report):

  • LinkedIn erwirtschaftete 2015 einen adjusted EBITDA Betrag in Höhe von $780 Millionen
  • Das Unternehmen hatte einen operativen Cash Flow von $807 Millionen
  • Aus diesem Cash Flow wurden Capital Expenses in Höhe von $507 Millionen bezahlt
  • Theoretisch hätte LinkedIn also einen Free Cash Flow (FCF) von $300 Millionen
  • Hinzu kam ein Cash-Flow in Form von Stock-based-Compensations (SBC) von $510 Millionen (Stock-based-Compensations sind ein wichtiger Bestandteil im gesamten Gehaltspaket der Mitarbeiter)
  • LinkedIn erzeugte demnach einen negativen Free-Cash-Flow von $210 Millionen, wenn der Effekt der Stock-based-Compensations herausgerechnet wird
  • Demzufolge entstammen rund zwei Drittel des adjusted EBITDA den Stock-based-Compensations
  • Zusätzlich entspricht die Summe der Stock-based-Compensation 17% des Umsatzes.
  • Pro Mitarbeiter (bei einer Gesamtzahl von ca. 7800) ergibt sich eine Summe von $65.000 Stock-based-Compensation.


Man muss kein Bilanz-Analyst sein, um bei diesen Zahlen in Erstaunen zu geraten. Zusammenfassend kommt Paulo Santos zu einer Schlussfolgerung:

"I want to like LNKD. But LNKD needs to do something about its excessive SBC before it can be liked. As it is, LNKD looks like an interesting business that’s being run solely for the benefit of its employees. Said another way, it’s being run to feed families in San Francisco. And those must be very happy families to boot, but a measure of that happiness is now coming at LNKD’s shareholders‘ expense."

(Quelle: http://seekingalpha.com/article/3886576-linkedin-run-solely-employees-benefit )

Aktienanalyst Paulo Santos untersuchte im Zusammenhang mit den Stock-based-Options, inwieweit LinkedIn von der üblichen Praxis abwich und kam zu erstaunlichen Zahlen, die er im Vergleich zwischen LinkedIn, Microsoft und Salesforce zusammenstellte.